Liebe Tanja, vielen Dank, dass du dir die Zeit für unseren Plausch nimmst. Du hast in den letzten Jahren mit deinen Kindercomics bei Kibitz für Aufsehen gesorgt. Wie war das bei dir selbst als du ein Kind warst? Ab wann kam der Comic in dein Leben und was hat dich an den Bildergeschichten begeistert? Wann fingst du an, selbst Comicgeschichten zu erzählen?
Ich muss zugeben, ich habe als Kind (abgesehen vom Lustigen Taschenbuch ab und zu) eigentlich gar keine Comics gelesen! Aber ich mochte schon immer schöne Bücher. Zum Beispiel die von Richard Scarry fand ich toll seit ich ganz klein bin (und heute noch!). Erst im Laufe meines Illustrationsstudiums habe ich mich etwas mehr mit Comics beschäftigt. Ich wollte aber nie selbst welche machen! Ich bin da irgendwie reingerutscht…
Gibt es Autor*innen und Zeichner*innen, die dich als Geschichtenerzählerin geprägt haben? Was ist dir selbst immer wichtiger, wenn du Comics liest – die Zeichnungen oder der Text/die Narration?
Als Zeichner*innen sicher Marc Boutavant und Anouk Ricard! Wenn ich Comics lese, freue ich mich natürlich über tolle Bilder! Aber wichtiger ist mir die Narration. Meine liebsten Comics sind die von Guy Delisle (Pjöngjang, Shenzen, Aufzeichnungen aus Birma…) und von Riad Sattouf (Der Araber von morgen). Beides, also Narration und tolle Zeichnungen perfekt vereint gibt es bei Ariol, ich bin riesen Fan!
Ulf und das Rätsel um die Neue war sowohl Kinderkrimi als auch Parodie auf das Genre, wie Die Drei ??? und Co. mit Otto als eine überdrehte Version von Justus Jonas, der überall Verschwörungen wittert. Bist du Fan von Kinderkrimis? Was für Versatzstücke aus diesem Bereich hast du dir für Ulf entlehnt?
Lustig, dass du das Buch als Parodie bezeichnest. Das wäre mir so gar nicht eingefallen. Aber es stimmt natürlich! Ehrlich gesagt war mein Vorbild für das Buch der Film Burn After Reading (Ethan und Joel Coen). Dort passiert ja im Grunde auch gar nichts und dennoch entwickelt sich eine rasante Story! Das fand ich spitze und habe mich dessen ein wenig bedient. Als Kind fand ich Detektivgeschichten toll, das war vor allem der Anstoß, selbst eine zu entwickeln. Dass es eine Bande von Kindern gibt, die gemeinsam Abenteuer erleben, fand ich immer irgendwie schön. Also habe ich mir das für Ulf stibitzt.
Du hast mal gesagt, dass Ulf als Einzelband angelegt war und du keine Fortsetzung im Sinne hattest. Und was erscheint in wenigen Tagen? Die Fortsetzung! Was hat deine Meinung geändert?
Die vielen Kinder, die nach neuen Geschichten über Ulf & Co. gefragt haben!
Der große Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Ulf-Band präsentiert sich gleich auf den ersten Seiten, wo du klassenbuchartig alle Mitschüler*innen von Ulf, Otto & Co. präsentierst. Während sich der erste Band auf die selbst ernannten Detektiv*innen fokussiert und die Klassenkamerad*innen nur eine untergeordnete Rolle spielen, wird hier die ganze Klasse zu Handlungsträger*innen. Sprich, du hast den Kreis der handlungstragenden Figuren gleich vervier- oder -fünffacht…
Am meisten Spaß an der ganzen Sache macht es mir tatsächlich, mir die Figuren mit ihren Eigenheiten und Spleens auszudenken! Da der neue Fall sich um die Klassenlehrerin dreht, geht er natürlich die ganze Klasse was an. Schwierig oder anstrengend war natürlich, dass ich nun viele Panels zeichnen musste, auf denen wirklich viele der Kinder vorkommen. Wer hat noch mal welchen Pulli an? Wer steht wo und wie sieht das dann aus, wenn man die Kindergruppe aus einer anderen Perspektive sieht? Da raucht einem manchmal ganz schön der Kopf. Da muss man zuweilen Dutzende Seiten durchgehen, bis man eine findet, auf der man Diegos Schuhe sieht… Ah, so sehen die aus! Gut! Hätte ich sicher auch strategischer angehen und gleich am Anfang eine Übersicht von allen Kindern zur Orientierung zeichnen können. Aber so schlau ist man eben nicht immer.
Und auch ein Novum: Dieses Mal gibt es ein tatsächliches Verbrechen, das Ulf, Heiko, Tita, Uli und Otto aufklären müssen, und das hat es in sich: eine Entführung! Wie bist du auf den neuen Fall der Bande gekommen und war es dir wichtig, dass Ulf & Co. diesmal einen tatsächlichen Fall aufklären (auch wenn – keine Spoiler – die Dinge natürlich nicht so sind, wie sie am Anfang scheinen…)
Ja, es wäre natürlich langweilig gewesen, wenn es wieder gar keinen echten Fall gäbe! Und eine entführte Lehrerin, das ist doch echt mal spannend! Wie ich auf die Idee gekommen bin, weiß ich tatsächlich leider gar nicht mehr.
Du hast vor einigen Jahren eine Stadtrallye in Hamburg rund um Ulf kreiert. Kannst du uns ein bisschen über dieses Projekt erzählen? Wie wichtig ist es dir als Autorin mit deinen Büchern „rauszugehen“, ob mit Lesungen, Rallyes, Ausstellungen, etc., und auch Kinder zu erreichen, die nicht das Buch selbst kennen.
Die erste Ulf-Rallye war tatsächlich im Rahmen des Comic-Salons Erlangen und entstand als Corona.Projekt. Alle Stationen waren draußen und rund um die Uhr zugänglich, ohne dass man sich zu nah kommen musste. Die Rallye kam spitze an und wurde für Hamburg etwas neu konzipiert, aber ähnlich wiederholt. In Hamburg haben dann über 4.000 Kinder an der Rallye teilgenommen, was auch daran lag, dass es weiterhin Corona-Einschränkungen gab, Ferien waren und man nicht wegfahren konnte. Die Plakatwände und Litfaßsäulen waren alle weiß, weil es keine Veranstaltungen mehr gab. Nur Ulf war überall plakatiert. Das war fast unwirklich, am Hamburger Hauptbahnhof, überall, in der ganzen Stadt, praktisch die einzigen Veranstaltungsplakate waren für die Ulf-Rallye! Irre, wenn man jetzt drüber nachdenkt. Die erste Rallye drehte sich ebenso um eine Entführung. Aber da ging es um Ulfs Meerschweinchen Einstein, das verschwunden ist…
Inzwischen gab es noch drei weitere Ulf-Rallyes, eine kann man dauerhaft in der Hamburger Innenstadt machen (Startpunkt ist die Rathauspassage). Die Idee, eine Rallye zu Ulf zu machen, stammt gar nicht von mir. Aber ich fand sie sofort gut. Macht ja auch Sinn: Detektive lösen eben Fälle und das passt nun mal spitze zu einer Schnitzeljagd. Ich bekomme häufig Anfragen für Rallyes und könnte mich wahrscheinlich ausschließlich darauf konzentrieren… Aber das Rallye-Konzipieren ist durchaus zeitaufwändig und die Zeit stecke ich oft dann lieber in neue Bücher, die noch mehr Kinder erreichen.
Lesungen und Workshops sind aber auch Teil meines Berufs und das finde ich total toll! Das Publikum hautnah zu erleben ist einfach cool. Zu sehen, an welchen Stellen bei einer Lesung gelacht wird, finde ich super. Bei Workshops finde ich toll, auf welche Ideen die Kinder kommen. Oft denken die ja noch viel freier als man selbst. Das ist eine tolle Inspiration!
Und außerdem würde ich ja irgendwann ganz bucklig werden, wenn ich immer nur am Schreibtisch sitzen und zeichnen würde. Etwas Bewegung und unterwegs sein um an verschiedenen Orten Lesungen und Workshops zu geben, ist eine willkommene Abwechslung.
Hand aufs Herz: Wird es einen dritten Ulf geben? Diesmal bitte ehrlich antworten…
Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht!
