© Josephine Mark
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»Gleichgültigkeit und Ignoranz machen mich wütend…«

Josephine Mark über karierte Hosen, schlechte Laune, die Leipziger Comic-Community und ihre beiden aktuellen Comicprojekte

Kibitz Verlag, • Blog

Liebe Josephine, du hast es sicherlich schon viele Male erzählt, aber magst du uns an dieser Stelle noch mal ein bisschen über dich und wie es dich in die Comicwelt verschlagen hat verraten? Welche Rolle spielt der Comic für dich als Künstlerin und warum hast du das Medium für dich als Erzählerin angenommen?

Ich bin ganz allmählich in das Medium Comic „hineingewachsen“. Ich habe zunächst über fünfzehn Jahre Cartoons und Illustration gemacht. Doch mit der Zeit wollte ich einfach gerne Geschichten erzählen. Der Comic ist da für mich einfach das perfekte Medium: Die Kombination aus Text und Bild, die am Ende mehr ergibt als die Summe ihrer Teile, finde ich absolut faszinierend. Selbst wenn der Text zu 100% steht – sobald die Bilder hinzukommen, passiert immer noch ganz viel Magisches auf dem Papier. Es ist ein bisschen so, als würde man einen Film drehen und wäre gleichzeitig Regisseurin, Cutterin, Ausstatterin und sämtliche Darsteller*innen in einer Person…

Gibt es Künstler*innen, die dich als angehende Zeichnerin beeinflusst haben? Und welche Zeichner*innen haben heute Einfluss auf dich und deine Arbeit?

Am Anfang meiner zeichnerischen Laufbahn hat mich am stärksten der polnische Comiczeichner Mateusz Skutnik beeinflusst. Was das Comicmachen als erzählerisches Medium angeht, bin ich eher von Filmen geprägt. Ich bewundere Regisseure wie Christopher Nolan für seine Art, starke Genres mit starken Geschichten zu kombinieren, Guillermo Del Toro und Joss Whedon für ihre Fantasie und Figurenentwicklungen.

Mit deinem Jugendcomic Trip mit Tropf hast du vor zwei Jahren für ordentlich Aufsehen gesorgt. Der Band war einer der meistverkauften deutschen Kindercomics der letzten Jahre und u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Magst du uns ein bisschen über die Entstehung des Projekts verraten? Warum wolltest du die Geschichte erzählen? Und wie hast du das Feedback zu dem Buch wahrgenommen?

Trip mit Tropf hat tatsächlich all meine Erwartungen auf so vielen Ebenen gesprengt! Als ich das Buch geschrieben hab, wusste ich ja nicht einmal, ob ich es jemals vollenden würde. Damals war ich ziemlich krank und hatte es als persönliches Trost- und Beschäftigungsprojekt während meiner Chemotherapie begonnen. Die Arbeit an dem Buch hat mich dann tatsächlich fast zwei Jahre begleitet während der kompletten Reha-Phase. Und nun toure ich mit dem Buch durch Deutschland und darf es dieses Jahr sogar im Ausland vorstellen: Frankreich, Italien, Tschechien. Irre! Das Feedback war überwältigend – sowohl von Kindern als auch Erwachsenen, von Krankheit Betroffenen, Angehörigen… Irgendwie scheint jeder irgendetwas in dieser Geschichte zu finden, was ihn oder sie berührt. Das macht mich sehr glücklich und lässt mich manchmal auch ungläubig staunen…

Dein neues Projekt ist eine Adaption des bekannten Kinderbuchs Der Barbeiß von Annette Pehnt und Jutta Bauer. Wie kam es zu diesem Projekt? Warum hast du dir das Buch ausgesucht?

Das Projekt hat mein Verleger Michael Groenewald an mich herangetragen. Ursprünglich sollte ich nur hinter den Kulissen an der Umsetzung mitarbeiten. Dann ist es irgendwie doch komplett auf meinem Tisch gelandet, worüber ich aber nicht traurig war, denn der Bärbeiß ist ein toller Charakter und mit einem bestehenden Text zu arbeiten war mal etwas ganz Neues für mich, was ich gerne ausprobieren wollte.

Jutta Bauer zählt zur Crème de la Crème der deutschen Kinderbuch- und Illustrator*innen-Welt und hat selbst auch schon einige Comics gezeichnet. Was hast du von ihren Bärbeiß-Designs übernommen, was wolltest du anders machen?

Jutta hat mir dankenswerterweise jeden Freiraum bei der Neuinterpretation gelassen. Ihre einzige Bitte war, dass der Bärbeiß seine karierte Hose behält… Ich habe eigentlich relativ viel von ihren Figuren übernommen und nur versucht, sie in meinen Stil zu übersetzen. Allein das Tingeli hat eine komplette Überarbeitung bekommen. Da habe ich mich etwas stärker an Annette Pehnts Beschreibung orientiert: „Eine Mischung aus Eichhörnchen und Blume“. Ich wollte das Tingeli gerne etwas niedlicher und wuseliger machen, als im Original.

Der Bärbeiß ist ein bisschen wie Muffi Schlumpf in groß, ein antisozialer Grobklotz, der im Laufe der Geschichte nach und nach auftaut, aber die schlechte Laune nie ganz ablegt. Was hat dir an dieser Figur und seiner performativen Miesepetrigkeit gefallen?

Was mich am Bärbeiß reizt und generell am Konflikt zwischen dem grummeligen Neuzugang in diesem idyllischen Dorf – das komplett von schonungslos freundlichen und etwas naiven Wesen bevölkert wird – ist die Frage, wie man es schafft, trotz aller Unterschiede und Anpassung irgendwie man selbst zu bleiben. Also, wie viel Kompromisse muss man eingehen, wenn man als Gemeinschaft aber eben auch als Individuum glücklich sein will? Der Bärbeiß verteidigt seine schlechte Laune (die einfach Teil seines Charakters ist), geht aber dann doch auch sehr auf das Tingeli ein. Und gleichzeitig muss das Dorf lernen, jemanden in seiner Mitte auszuhalten, der so ganz andere Vorstellungen vom Leben und Spaß hat und eben anders ist als sie. Tatsächlich hatte ich beim Lesen der Bücher oft Mitleid mit dem Bärbeiß. Es wird sehr viel von ihm verlangt und er ist oftmals einfach überfordert mit diesen für ihn völlig absurden Gepflogenheiten: fröhlicher Lärm, Geburtstag feiern oder dass die Dorfbewohner einfach seinen Garten entern… das ist etwas, was ich in meiner Comicadaption etwas mehr ergründen wollte.

Der Kibitz-Verlag bringt in wenigen Wochen zudem noch dein Debüt Murr neu heraus. Das ist ebenfalls ein Buch mit einem schlecht gelaunten Protagonisten – was kannst du uns über das Buch und seinen titelgebenden Protagonisten erzählen?

Murr hat für mich einen enormen sentimentalen Wert – mit diesem Buch hat meine Liebe fürs Comicmachen begonnen. Ich bin sehr dankbar, dass der Kibitz Verlag es übernommen hat! Tatsächlich sind diese grummeligen Protagonisten irgendwie ein bisschen zu einem roten Faden in meinen Geschichten geworden. Murr ist ein Revolverheld, der weder Tod noch Teufel fürchtet. Bis er eines Tages am Galgen landet und ihm dort der Tod in persona begegnet. Murr stirbt natürlich nicht am Strick, aber der Tod begleitet ihn von da an auf Schritt und Tritt. Das Ganze ist im Kern eine sehr philosophische Geschichte über den Umgang mit Veränderung, Tod und Loslassen. Tragisch und komisch. Wie das Leben…

Was kann dir so richtig die Laune vermiesen? Und wie kann man dich dann am besten aufheitern?

Ich tue mich nur schwer mit Charakterschwächen, die auf Gleichgültigkeit, Trägheit oder Ignoranz zurückzuführen sind. Besonders, wenn es sich Menschen auf Kosten ihrer Mitmenschen, Tiere oder der Umwelt leicht machen – leichte Antworten auf komplexe Probleme geben, den leichten Weg wählen zulasten anderer und so weiter. Das macht mich wirklich wütend… Aufheitern kann man mich, wenn ich einfach lange draußen sein kann ohne Menschen zu begegnen. Das macht mich immer sehr, sehr glücklich.

Und zum Schluss – du bist kürzlich aus Leipzig weggezogen, hast aber dein Atelier noch in der Buchmessestadt, richtig? Wie sehr bist du mit Leipzig und seiner Comicgemeinde verbunden? Was ist das Besondere aus Zeichner*innen-Sicht an Leipzig?

Ich habe noch ein kleines Büro in Leipzig, was ich aber eher für Orga-Zwecke nutze, als fürs Zeichnen. Tatsächlich bin ich heute viel besser mit der Szene in Leipzig vernetzt, als vor meinem Weggang aus der Stadt: Ich veranstalte in der Moritzbastei die Reihe „Moritzbastei Comic:Kunst“ mit regelmäßigen Comiclesungen, Werkstattgesprächen und Comicausstellungen. Und ich bin Mitglied des Leipziger Kinder- und Jugendbuchautor*innen-Netzwerks KJL. Und auch in der Leipziger Comicszene bin ich so langsam angekommen. Matthias Lehmann, Max Baitinger und Max Hillerzeder durfte ich schon in der Moritzbastei veranstalten. Das Besondere an Leipzig ist natürlich die hohe Dichte an Kreativen und Orten, kreativ tätig sein zu können. Ich persönlich empfinde die Comic- und auch die Kinderliteratur-Community als sehr familiär und sympathisch. Aber das ist vermutlich kein Leipzig-typisches Phänomen sondern liegt einfach am Medium. Aber Leipzig ist schon toll, sehr kleinteilig, sehr übersichtlich und trotz der Größe eine entspannte Stadt, wenn man in den richtigen Ecken unterwegs ist…