Liebe Ayşe, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über dein tolles Debüt Der Zahn zu sprechen. Könntest du uns eingangs ein bisschen über dich und deinen Comic-Werdegang verraten? Wie bist du auf das Medium Comic gekommen und was hat dich an der Kunstform und ihren erzählerischen Möglichkeiten begeistert?
Als Kind habe ich gerne Comics gelesen. Eine sehr große Auswahl gab es damals nicht, Lucky Luke, Asterix, Tum und Struppi und manchmal auch das Lustige Taschenbuch. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter Comics von Claire Bretécher im Bad liegen hatte … Die haben mich vor allem deswegen fasziniert, weil sie erwachsene Themen mit dem Medium Comic erzählt haben. Mir wurde dadurch klar, dass Comics vieles können. Als Erwachsene entdeckte ich dann Comics und Graphic Novels neu. Das war auch der Grund, warum ich mich entschieden habe, Illustration zu studieren. Als Illustratorin habe ich mich dann aber lange nicht an Comics rangetraut. Meine ersten Veröffentlichungen lagen vorwiegend im Kinderbuch- und Sachbuch-Bereich. 2021 durfte ich einen Minicomic für das Kindercomic-Magazin POLLE machen und war sofort begeistert. Mir wurde plötzlich klar, dass dieses Medium mir viel mehr entspricht, und dass ich große Lust auf diese Art von Geschichtenerzählen habe!
Das Zeichnen und Geschichtenerzählen spielt in Der Zahn eine große Rolle, deine jungen Protagonistinnen bonden über ihre Liebe zum Zeichnen und zu Comics. Was macht deiner Meinung nach Comics für junge Leser*innen so interessant?
Der Comic ist in seiner Form sehr zugänglich, auch für Kinder, die noch nicht „richtig” lesen können. Durch die narrativen Bilder lassen sich viele Szenen auch ohne Text verstehen. Und Comics laden auch dazu ein, selbst loszulegen. Viele Kinder fangen intuitiv an, eigene Figuren zu erfinden und kleine Geschichten zu zeichnen. Diese kreative Offenheit und Niedrigschwelligkeit finde ich sehr wertvoll. In meinem Comic spiegelt sich das auch in der Freundschaft der beiden Protagonistinnen wider. Sie finden über das gemeinsame Zeichnen zueinander und lassen sich dadurch mehr aufeinander ein. In meiner Kindheit war das gemeinsame Geschichtenerfinden und Kreativsein auch oft ein Weg sich besser kennenzulernen.
Der Zahn ist deine erste buchlange Comicerzählung. Wie kam es zu dem Projekt und warum wolltest du diese Geschichte erzählen? Und warum Vampire?
Der Kibitz Verlag kam auf mich zu und fragte mich, ob ich Lust hätte auf ein längeres Comicprojekt. Bei dem Thema habe ich mich dann wieder von meiner Kindheit inspirieren lassen. Damals hatte ich große Angst vor Vampiren, gleichzeitig war ich fasziniert von ihnen. Diese Faszination ist geblieben, auch wenn die Angst längst weg ist. Ich finde, der Vampir ist eine spannende Projektionsfläche, weil er ein Wesen der Verwandlung ist, das immer irgendwie am Rand steht und gerade dadurch viel über das Anderssein erzählen kann.
Magst du uns ein bisschen mehr über deine beiden Hauptfiguren Mila und Karla verraten?
Wie man vielleicht schon rausgehört hat, ist Mila, die Figur mit der Vampirangst, ein Alter Ego von mir selbst. Sie ist eine Außenseiterin mit nur einem Freund und wünscht sich eine Gruppe von Freundinnen. Karla dagegen ist ziemlich beliebt und Teil einer kleinen Clique, die manchmal Mila schikaniert. Ein Ereignis in Karlas Leben wirft dann aber alles um, und die beiden freunden sich an. Ich will hier noch nicht zu viel verraten…
Im Mittelpunkt deiner Geschichte steht der Umgang mit der eigenen Angst: die Angst vor dem Unbekannten, seien es fremde Menschen und Kulturen oder soziale Situationen, die einen überfordern. Was war dir bei der Behandlung des Themas wichtig? Was sollen deine jungen Leser*innen aus deiner Geschichte mitnehmen?
Mir war vor allem wichtig zu zeigen, dass solche Ängste normal sind (vor allem für Kinder). Manche Ängste sind auch begründet, aber vor allem die Angst vor dem Unbekannten entsteht oft aus Unwissenheit oder Vorurteilen. Ich möchte, dass meine jungen Leser*innen lernen, ihre eigenen Ängste zu hinterfragen und mutig genug sind, auch mal anders zu denken oder neue Erfahrungen zu machen.
Der Zahn geht auch sehr sensibel und nuanciert mit dem Thema Mobbing und Außenseitertum um. Kannst du ein bisschen auf diesen Aspekt der Story eingehen? Wie bist du an dieses Thema rangegangen?
Ich selbst war eine Außenseiterin und habe Erfahrungen mit Mobbing machen müssen. Dadurch spielt dieses Thema bei meinen Geschichten immer wieder eine Rolle. Die Protagonistin Mila leidet unter Mobbing, ja, aber sie lässt sich nie in ihrem Wesen beirren… Sie ändert sich nicht, um anderen zu gefallen. Und das ist, was Karla an ihr sympathisch findet.
Worauf kann man sich als nächstes bei dir freuen? Hast du schon Ideen für deine nächsten Projekte?
Ich arbeite momentan an einem Kinderbuchprojekt. Ideen für einen weiteren Comic habe ich bereits und hoffe sehr, dass ich ganz bald anfangen kann, daran zu arbeiten!
